Christian Berkel: Der Apfelbaum. Roman. Ullstein, Berlin 2018. 416 Seiten, 22 Euro.

Christian Berkel, mir bekannt als nachdenklicher, sich in Personen und Konflikte hineinträumender Schauspieler in der ZDF-Freitagsserie „Der Kriminalist“, rangiert in der SPIEGEL-Bestsellerliste ganz oben mit seinem Debütroman „Der Apfelbaum“. Ein bisschen skeptisch darf man da schon sein. Ein Schauspieler als Schriftsteller?

Durch Zufall erlebe ich Christian Berkel live in einem literarischen Gespräch, in dem er seine eigenen Identitätsfragen anspricht: Sohn einer „halbjüdischen“ Mutter, selbst längere Zeit in Frankreich gelebt, deutscher Staatsbürger mit einer Familiengeschichte, in der Intellektuelle und politisch Betroffene und Kämpfende an vielen unterschiedlichen Orten Europas ihre Spuren hinterlassen haben. All das habe er genauer wissen wollen. Das sei Anstoß für seinen Roman gewesen. Also eher eine Familiendokumentation?

Dann finde ich auf dem Deckblatt des Buches ein Zitat des bekannten Schriftstellers Daniel Kehlmann, das mich neugierig macht: „Wenn wieder einmal jemand fragt, wo es denn bleibt, das lebensgesättigte, große Epos über deutsche Geschichte, dann ist von jetzt an die Antwort: Hier ist es, Christian Berkel hat es geschrieben. Dieser Mann ist kein schreibender Schauspieler. Er ist Schriftsteller durch und durch. Und was für einer.“

Der Ich-Erzähler will seine Identität durch Gespräche mit seiner betagten Mutter erkunden. Nur die ist schon ein wenig dement – oder tut vielleicht manchmal auch so – und erinnert sich nur bruchstückhaft. Durch die Erforschung von Briefen, Akten, Dokumenten versucht er die Lücke zu schließen und kann sich zunehmend Ereignisse, Begegnungen, Konflikte und überwiegend gescheiterte Beziehungen von den Zwanzigerjahren bis ins Berlin der Fünfzigerjahre erschließen. Über drei Generationen sind die verschiedenen Familienmitglieder zu verschiedenen Zeiten – nicht immer freiwillig – in Berlin, Ascona, Madrid, Paris, im Lager Gurs, in Moskau und in Buenos Aires. Sie sind in die Nazi-Herrschaft, vor allem in die Weltkriege verwickelt, sie sind beteiligt oder auf der Flucht. Vor allem die Odyssee seiner halbjüdischen Mutter durch Europa, ihr Verstecken und Spurenverwischen, bilden einen dominierenden Erzählstrang. Sein Vater, aus dem kriminellen Arbeitermilieu zum Mediziner aufgestiegen, der im Russlandfeldzug Unvorstellbares erlebt hat, begegnet seiner Jugendliebe, der Mutter des Ich-Erzählers, auch in den Kriegszeiten immer mal wieder kurz. Nach acht Jahren unterschiedlichen Lebens finden sie in den Fünfzigerjahren tatsächlich wieder zusammen.

Christian Berkel erzählt all dies in einem wechselnden Geflecht von Handlungsebenen und Orten, mit faktenbasierten historischen Bezügen und den naheliegenden Reflexionen, mit einer bedrückend nahen Beschreibung des Schrecklichen jener Zeit, oft mit einem Funken positiver Überbleibsel von Menschlichkeit. Besonders im ersten Teil des Romans fallen gelegentlich gewollt literarische Bilder und Vergleiche auf, die vielleicht Christian Berkels Bemühen geschuldet sind, ein echter Schriftsteller sein zu wollen.

Dieser Roman ist ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, die Erinnerung zu bewahren, gerade auch an die schrecklichen Ereignisse beider Weltkriege mit den Folgen für Beteiligte und ihre Familien. Auf Seite 212 heißt es im Roman dazu: Zuerst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung an ihn. Für diesen zweiten Tod tragen wir Nachgeborenen die Verantwortung. Wollen wir mit dem Satz Irgendwann muss doch mal Schluss sein die Menschen von damals ein zweites Mal ermorden? Wie viele Namen wollen wir denn mit einem sauberen Schlussstrich eliminieren“

Also: Sehr empfehlenswert

Bewertung:    ∗∗∗∗*

(5 Sterne = Höchstwert)

(Rolf Eickmeier)

 

Elke Heidenreich / Bernd Schroeder: Alte Liebe. Roman.
Carl Hanser Verlag, München 2009.
191 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783446233935

Freilichtmuseum Detmold, Februar 2020: Kerstin Klinder und Jürgen Roth, bekannte Darsteller des Landestheaters Detmold, lesen in Dialogen verschiedene Kapitel aus dem Roman „Alte Liebe“ von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder. Sie machen  die beiden Hauptpersonen des Romans, Harry und Lore,  für das Publikum so lebendig, dass sich bestimmt viele der Anwesenden in die Situationen einer Ehe hineinversetzen können – Alltagsprobleme und Auseinandersetzungen nach 40 Jahren Ehe.

Was liegt da näher, als das Buch zu lesen?

Jedes der über dreißig Kapitel ist zweigeteilt, wobei zunächst abwechselnd Lore oder Harry zu Wort kommen und dann ihr jeweiliger Bericht in einen Dialog zwischen den beiden wechselt. Diese Dialoge sind amüsant und witzig, voller Selbstironie auf ihre Lebensideale und Gewohnheiten als Alt-68er, an die sich die beiden immer wieder erinnern. Aber sie haben sich auseinander gelebt. Sie sind gegenseitig oft genervt von den Verhaltensweisen des jeweils anderen.

Harry und Lore diskutieren nun vordergründig über die Frage, ob sie zu der dritten Hochzeit ihrer Tochter mit einem neureichen, langweiligen und stockkonservativen Unternehmer fahren sollen, zumal auch diese Ehe nach ihrer Meinung wieder nichts werden könne. Immer wieder zweifeln sie dabei ziemlich ratlos, warum ihre liberalen und antiautoritären Erziehungsideale bei ihrer Tochter zu solchen Ergebnissen führen konnten.

Harrys Alltag als Pensionär ist bestimmt durch seine Liebe zu seinem Garten und zu einem schönen kühlen Weizenbier. Lore ist nach wie vor berufstätig als Bibliothekarin und engagiert sich seit vielen Jahren für Lesungen und Veranstaltungen mit berühmten Schriftstellern. Sie ist stolz darauf, viele persönlich zu kennen. Doch immer häufiger sagt sie sich: „Mir macht mein Beruf keinen Spaß mehr. Die Bücher sind nicht mehr das, was sie einmal waren.“ Und die Schriftsteller, sogar Martin Walser, findet sie auch immer langweiliger. Harry sieht sich insgeheim bestätigt. Harry hatte mit Literatur eigentlich nie was am Hut. Vielleicht kommen Harry und Lore sich auch dadurch wieder näher.  „Ich glaube, ich liebe dich noch“, fällt Lore dann tatsächlich auf, und Harry antwortet trocken, aber nicht unbegeistert: „Sag mir Bescheid, wenn du es genau weißt.“

Als sie dann doch zu der Spießerhochzeit ihrer Tochter fahren, amüsieren sie sich über die Gäste und deren (Un-)Kultur – wieder viel Gemeinsames. Dennoch gibt es kein Happy-End, was allerdings nachdenklich machen kann.

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG verreißt Kristina Maidt-Zinke den Gemeinschaftsroman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder und wirft dem Buch vor, nicht viel mehr als “gemütvolle Seniorenunterhaltung” zu sein.

Aber das ist doch schon was. Die „gemütvolle Seniorenunterhaltung“ ist jedenfalls durchaus zu empfehlen.

Bewertung:    ∗∗∗∗

(5 Sterne = Höchstwert)

(Rolf Eickmeier)

 

Dietmar Dath: Deutsche Demokratische Rechnung. Eine Liebesgeschichte, Eulenspiegel Verlag, Berlin 2015, 240 Seiten, 17,99 Euro.

Diese „Liebesgeschichte“ ist äußerst politisch und sie ist äußerst mathematisch. Das mag für manche sperrig und befremdlich sein. Wer neugierig bleibt, der erfährt Ungewöhnliches über den gescheiterten Sozialismus der DDR, er kann Bezüge herstellen zu der heutigen alternativen politischen Szene und ihm begegnen Charaktere, die immer mit sich und ihren Erkenntnissen kämpfen. Und nicht zu vergessen, mathematische Erkenntnisse werden zu politischen Utopien.

Vera, eine junge Frau, der Beziehungen zu spießigen und angepassten Männern zuwider sind, nimmt Abschied von ihrem verstorbenen Vater, mit dem sie lange keine Beziehung mehr hatte. Nun, bei der Abwicklung seines Nachlasses nähert sie sich ihm, besonders seinen politischen Ideen, wieder sehr stark an. Ihr Vater ist Otto Ulitz, Mathematikprofessor und Wirtschaftskoryphäe unter Ulbricht in den Anfangsjahren der DDR, in den 1980er Jahren ins Abseits gestellt und nun in Einsamkeit gestorben. Otto Ulitz war überzeugt, der Sozialismus der DDR sei zu retten gewesen – mit einem flexiblen Planungssystem, das Chancengleichheit, individueller Leistung und Effektivität den Vorrang vor stupider gesamtstaatlicher Planung gegeben hätte. Diese These versuchte er in chaotischer Einsamkeit mit mathematisch-politischen Ausarbeitungen plausibel zu begründen.

Beim Lesen kann sich dadurch durchaus eine staunende Faszination entwickeln. Es leuchtet schließlich auch dem mathematischen Laien ein, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Kreis in einem Quadrat (zwei Dimensionen) zur größtmöglichen Kugel in einem Würfel (drei Dimensionen) gibt. Der Inhalt des Würfels wachse relativ (ab der fünften Dimension sogar absolut) schneller im Vergleich zur Kugel. Nun komme es in der gesellschaftlichen Planung darauf an, so viele Dimensionen wie möglich zu berücksichtigen. Genau dies sei im immer starrer werdenden politischen System nicht mehr möglich gewesen. Die DDR scheiterte und wurde aufgelöst. Anderes wäre möglich gewesen.

Die Frage, gibt/gab es nicht doch eine sozialistische Alternative zum vorherrschenden kapitalistischen System, finden manche politisch Interessierte bestimmt auch heute noch spannend. Auf jeden Fall die, die persönlich eine gesellschaftskritische und antikapitalistische Geschichte haben. Vielleicht auch die, die in der gegenwärtigen „linken Szene“ in Auseinandersetzungen verstrickt sind. In dieser Szene bewegt sich auch Vera, will aber auch als Verkäuferin für ihr Auskommen sorgen.

Dann auch das: Es entsteht eine Liebesgeschichte mit dem Journalisten Frigyes. Er interessiert sich für sie, kann zuhören, sie lieben sich. Er scheint anders zu sein als alle anderen Männer. Es wäre zu schön gewesen, wenn nicht bald klar würde, dieser grün-ökologisch orientierte Karrierejournalist hat Vera ausgenutzt. Für eine tolle Story will er an die Ausarbeitungen ihres Vaters, die „Ulitz-Papiere“, herankommen.

Was bleibt? Die Freundschaft zu einem immer nur essenden treuen Bekannten, vielleicht die Faszination der Mathematik mit ihren politisch alternativen Möglichkeiten und damit die Nähe zu ihrem damit gescheiterten Vater.

Bewertung:    ∗∗∗∗

(5 Sterne = Höchstwert)

Meine Empfehlung: Lesen und diskutieren. Am besten gleich hier.

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Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise
Luchterhand Literaturverlag, München 2019
543 Seiten, 24 Euro

Dies ist ein Roman, der ein tiefgründiges Gefühl für weithin unbekannte Wirren der europäischen Geschichte des 19. Und 20. Jahrhunderts entstehen lässt, vor allem dabei der südosteuropäischen. Dieses Basis-Geschichtsgefühl kann vielleicht auch zu einem tieferen Verständnis der allgemein bekannten Geschichtsschreibung führen.

Dies erfordert jedoch einige Mühen. Die 534 Seiten deuten schon darauf hin. Vor allem muss man sich in Unbekanntes und eigentlich immer auch Unbeachtetes hineinlesen. Und man muss immer wieder die „historischen Anfälle“, die ausufernden assoziativen Geschichtserzählungen der fast 100-jährigen Hauptperson Wenzel Winterberg, ertragen oder nach und nach daran Gefallen finden.

In dem Roman „Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš begleitet der Altenpfleger Jan Kraus den todkranken Patienten Wenzel Winterberg auf seiner letzten Zugfahrt – er nennt es „Überfahrt“ – quer durch Südosteuropa. Mit der Eisenbahn kommen sie nach  Pilsen, Budweis, Linz, Budapest, Brünn, Zagreb, Sarajewo, Berlin, Peenemünde und am Ende auf die Insel Usedom. Und natürlich nach Königgrätz. Denn was sich dort 1866 abspielte, ist für Winterberg der Angelpunkt der europäischen Geschichte schlechthin. Die Schlacht gilt ihm nicht nur als verheerende Niederlage Österreichs, sondern auch als ein Sieg Preußens, „der sich später auch zu einer Niederlage und in eine noch viel größere Feuerkatastrophe verwandelte“.

Kultur- und politische Geschichte hat nach Winterbergs Überzeugung viel zu tun mit modernem Bestattungswesen, mit dem von Rudolf Bitzan entworfenen Krematorium, von ihm als “Feuerhalle“ bezeichnet. In Reichenberg, seiner Heimatstadt, gab es eines der ersten Krematorien. Sein Vater leitete es, und es wurde ihm zum Verhängnis. Glaubensfragen werden durch die unterschiedlichen Bestattungsrituale aufgeworfen. All das bleibt historisch nicht ohne schlimme Folgen. Europäische Geschichte ist aus Winterbergs Sicht auch Eisenbahngeschichte, zum Beispiel mit Carl von Ghegas Bau der Semmeringbahn oder der „Die Überschienung der Alpen“. Das Zitat eines zum Freund gewordenen englischen Kriegsgegners lässt sich immer anwenden. Er hatte Winterbergs Herzenslandschaft als „the beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins“ bezeichnet. 

Durch Winterbergs Erzählungen zieht sich zudem die Suche nach seiner „Frau im Mond“, seiner großen Liebe, nach der wahrscheinlich durch Nationalsozialisten ermordeten Jüdin Lenka. Sein Trauma ist die Vorstellung, er hätte Lenka durch mehr Mut retten können, er hätte sich jedenfalls nicht selbst retten dürfen.  

Viele sagen, diese Romanreise sei zu lang geraten. Es ist ein unüblicher, manchmal ausufernder Erzählfluss durch 100 Jahre europäischer Konfliktgeschichte. Man kann das langatmig und langweilig finden, man kann sich aber auch in diesen Erzählstrudel hineinziehen lassen.

Bewertung:    ∗∗∗ 

(5 Sterne = Höchstwert)

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Robert Löhr: Das Hamlet-Komplott. Roman.
Piper Verlag, München ; Zürich 2010.
358 Seiten, 19,95 EUR.

Noch ein historischer Roman. Aber ein ganz schräger. Die Größen der deutschen Dichtung und Geistesgeschichte ziehen gemeinsam durch die Lande. Sie wollen und müssen ungeahnte Abenteuer überstehen, sie schlagen sich mit all den kleinen Überlebensfragen des Alltags herum, verstricken sich in politische Scharmützel und entkommen immer wieder bedrohlichen Situationen, indem sie auf ihrer klapprigen Wanderbühne Freund und Feind dann doch in ihren Bann ziehen. Nicht selten ist ein derbes Gelage die Belohnung.

Die Dichtertypen, die sich zusammengerauft haben, sind keine geringeren als Ludwig Tieck, der Initiator der abenteuerlichen Aktion, Johann Wolfgang Goethe, August Wilhelm Schlegel, zudem Germaine des Stael, die zusammen Heinrich von Kleist aus französischer Festungshaft retten wollen. Eine anmutige junge, politisch scheinbar eher naive Schauspielerin und ihr später auch schauspielernder Hund fahren auch noch mit. Ludwig Tieck verliebt sich unsterblich in sie. Bevor es ein Happy End geben kann, stellt sich am Ende heraus, sie arbeitete die ganze Zeit für den französisch napoleonischen Geheimdienst.

Die Handlung spielt im Jahr 1806, Preußen koaliert mit Russland, Frankreich soll aus den Maingebieten abziehen und im Oktober wird Napoleon in Jena und Auerstedt die preußischen Truppen vernichtend schlagen. Das Symbol des deutschen Reiches, die Krone des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“, wurde gerade niedergelegt und die deutsche Nation, nur noch eine fiktive Idee, hat ihre letzte Hoffnung für ein vereintes Vaterland verloren. Nur Heinrich von Kleist hält stur an der Reichsidee fest. Er will die Krone, die er in einem Versteck aufgestöbert hat, dem preußischen König überbringen, den er für den einzigen legitimen Herrscher über die deutsche Nation hält. Das ist natürlich in den von Napoleon beherrschten Gebieten immer wieder sehr gefährlich. Auch die Mitglieder der bunten Schauspieltruppe halten diese Idee für eher verrückt.

Gut, dass die Schauspieltruppe die Idee hatte, Shakespeares Hamlet in der ihnen eigenen Not-Version in brenzligen Situationen zum Besten zu geben. Das ist immer wieder ihre Rettung.

Der Autor Robert Löhr hat sich wahrscheinlich gefragt, was die Literaturgrößen in den politischen Konflikten zu Beginn des 19. Jahrhunderts gesagt und getan hätten. Ein interessantes Gedankenexperiment und spaßig dazu.  

Bewertung: ∗∗∗∗

(5 Sterne = Höchstwert)