Richard David Precht, Angststillstand, Warum Meinungsfreiheit schwindet
Goldmann – Verlag,2025, 20,00 Euro
Wer die in der Öffentlichkeit weit verbreiteten Darstellungen von Gesellschaft und Politik auch einmal hinterfragen möchte, wer neue, manchmal ungewöhnliche Blickwinkel aushalten kann, wer sich kritisch fragend mit provokanten Erklärungen auseinandersetzen möchte. der sollte „Angststillstand“ von Richard David Precht in Ausschnitten (geht auch) oder insgesamt mal lesen.
Wer all das lieber vermeiden will, der ist möglicherweise im engen Meinungskorridor der sogenannten „politischen Mitte“ einbetoniert. Wenn auf diese Weise die Meinungsvielfalt schwindet, entsteht „Angststillstand“, sagt Precht. Natürlich ist in unserer Gesellschaft die Meinungsfreiheit und -vielfalt rechtlich garantiert, niemand muss bei abweichenden Meinungen staatliche Unterdrückung fürchten. Aber, sagt Precht, die sozialen ausgrenzenden Folgen beim Verlassen des mittigen Meinungskorridors werden von vielen gefürchtet. Niemand will gerne zum Außenseiter gestempelt werden. Zu Wort kommen dann immer die „passenden“ Meinungen – und die werden weiter verstärkt in den gängigen Medien.
Precht liefert einige diskussionsanregende Erklärungen für diese Prozesse, die jeden Einzelnen vielleicht sogar persönlich berühren könnten, auf jeden Fall aber die politisch und medial Verantwortlichen treffen sollten.
Schade, wenn eine Auseinandersetzung mit Prechts Thesen wohl eher nicht zustande kommt. Oder vielleicht doch? Vielleicht auch in der LGPZ, zum Beispiel beim monatlichern Stammtisch oder hier im LGPZ-Internetportal?
Nils C. Kumkar, Polarisierung, Die Ordnung der Politik,
edition suhrkamp, 2025 18,50 Euro
Politische Kommentatoren beklagen auch in Deutschland eine zunehmende „Polarisierung“ in der Gesellschaft. Viele beschreiben dies als große Gefahr, als Gefährdung unserer Demokratie, wenn dabei die Zustimmung zur AfD weiter zunimmt. Abschreckendes Beispiel ist für viele die scheinbar unversöhnliche Spaltung der Gesellschaft in den USA, befeuert von Präsidernt Trump und durch die enorme Macht der Medien- und Tech-Konzerne.
Nils C. Kumkar ist Soziologe an der Universität Bremen. Seine und sehr viele andere wissenschaftliche Studien stellen allerdings bei der großen Mehrheit der Menschen in ihren konkreten Wünschen, Befindlichkeiten und politisch orientierten Einstellungen keine stark auseinanderdriftende Polarisierung fest.
Medien und Politik jedoch arbeiten sich an der sich selbst verstärkenden Annahme bedrohlicher Polarisierung ab. Empörung hier, Verurteilung und Abgrenzung da – wem nützt das am ehesten? Offensichtlich den Parteien, die diese vermeintliche Spaltung mit der medialen Empörungskultur unbedingt brauchen. Natürlich sind das die selbst ernannten Alternativparteien, aber auch die „Parteien der Mitte“, die glauben, in der Wählergunst zu punkten, wenn sie sich, inhaltlich vielleicht nur graduell, medienwirsam von anderen Parteien abgrenzen. Diese durch alle Medien verstärkten Abgrenzungsschauspiele verselbständigen sich oft und bleiben nicht selten auf der Ebene persönlicher Darstellungsunterschiede.
Nils C. Kumkar stellt grundsätzlich heraus, dass eine lebendige und funktionierende demokratische Ordnung auf Unterschieden, auch auf gegensätzlichen Vorstellungen, auf argumentativen Auseinandersetzungen und dem Wettbewerb um die mehrheitsfähigsten Meinungen beruhen muss. Nur so funktioniert Demokratie. Die politischen Akteure und Medienakteure dürften sich jedoch nicht von dem Herausarbeiten gemeinsamer Verbesserungen realer Probleme lösen.
Wenn nun der Eindruck entsteht, dass sich die politischen Akteure vorrangig selbst darstellen und oft gegenseitig blockieren oder sich immer nur auf den allerkleinsten gemeinsamen Nenner verständigen können, dann verliert das demokratische System an Überzeugungskraft. Die ständige Warnung vor der AfD kann eigenes lösungsorientiertes Handeln nicht ersetzen. Die Fixierung auf die Provokationen der AfD schaffen kein demokratisches Vertrauen.
Nils C. Kumkar legt deshalb in seinem wissenschaftlichgen Essay als Konsequenz eine andere Art politischen Verhaltens und Handelns nahe, Die Frage könne nicht sein, ob es Unterschiede und Gegensätze in der Gesellschaft gibt, sondern wie damit politisch produktiv umgegangen werde.
Empfehlung:
Das Buch ist oft schwer zu lesen, zum Beispiel immer wieder mit extrem verschachtelten Satzkonstruktionen, jedoch mit fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen und anregenden Bezügen zur politischen Realität, alles sehr bedenkenswert und diskussionswürdig – besonders für engagierte Demokraten in und außerhalb der demokratischen Parteien.
Steffen Mau, Ungleich vereint
edition Suhrkamp, 2024 – 18,00 Euro
Die Landtagswahlen des Jahres 2024 mit den hohen Stimmanteilen der AfD in Sachsen, Thüringen und Brandenburg machen die Analyse dieser Entwicklungen unabdingbar. Wie können nationalistische und antidemokratische Entwicklungen gestoppt werden? Wie kann das Vertrauen in die Demokratie in allen Regionen und Bundesländern gestärkt werden, besonders auch in den neuen Bundesländern?
Das sind einige der Fragen, denen Steffen Mau wissenschaftlich fundiert auf den Grund geht. Er blickt dabei besonders auf die politischen Veränderungen im „Osten“ und beschreibt die in der Bundesrepublik dominante Westperspektive als unzureichend.
Er analysiert vielschichtig und schlüssig, „warum der Osten anders bleibt“ – und das sehr dauerhaft.
Steffen Mau beschreibt die gravierenden Veränderungsanforderungen an die ehemalige DDR-Bevölkerung, deren Auswirkungen noch heute spürbar und folgenreich sind. Eine der offenkundigen Entwicklungen ist die extrem geringe Verankerung der etablierten Parteien des Westens in der Bevölkerung der neuen Bundesländer. In diese Lücke kann die AfD immer stärker hineinstoßen. „Die Demokratie steht unter Druck“, konstatiert Mau. „Aber wir haben die Möglichkeiten, sie zu verteidigen und zu sichern, noch lange nicht ausgeschöpft“.
Dabei brauche es allerdings neue Ideen und neue Wege der Beteiligung, durch die die bisher skeptisch oder enttäuscht abseits stehenden Bürgerinnen und Bürger in neuer Weise angesprochen werden könnten und bei ihnen dass Gefühl von Selbstwirksamkeit entstehen könnte. Zum Beispiel könnten „Bürgerräte“, die die parlamentarischen Entscheidungen nicht ersetzten, sondern ergänzten, ein Weg sein.
Wenn die neuen Bundesländer ein „Labor der Partizipation würden, könnte vielleicht der Westen auch einmal vom Osten lernen, denn eine solche Ausweitung demokratischer Beteiligung sei in Ost und West nötig, überlegt Steffen Mau.
„Der Tod ist mir nicht unvertraut – Ein Gespräch über das Leben und das Sterben“
Elke Büdenbender, Eckhard Nagel
Ullstein Verlag, 2022. 224 Seiten
Buchempfehlung von Ursula Heer (Buchhandlung Pegasus, Lemgo) in der Abschlussveranstaltung einer Ausstellung im Hexernbürgermeisterhaus unter dem Titel „Abschied nehmen – Trauer, Tod und Sterben“. Dabei wurden 3 Musikstücke, 3 Bücher und 3 Filme mit dem Lebensthema „Tod“ vorgestellt.
Wo sind wir dem Tod begegnet und wie verändert er unser Leben? Wie stellen sich Menschen ihren Tod vor, und warum kommt es oft ganz anders? Die Juristin und Frau von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, Elke Büdenbender, und der mit ihnen befreundete Arzt, Theologe und Philosoph Eckhard Nagel, einer der führenden deutschen Transplantantionsmediziner sprechen nachdenklich über Fragen, die uns alle betreffen. Grundlage sind nahe persönliche Erlebnisse und berufliche Erfahrungen mit Leben und Tod.
Iris Wolf, Die Unschärfe der Welt,
Roman, Klett-Cotta-Verlag 2020, 213 S.
Iris Wolf erzählt die bewegte Geschichte einer Familie aus dem Banat, dem heutigen Rumänien mit vielen historischen Verbindungen zu Menschen in Deutschland. Sie erzählt von eindrucksvollen Menschen, die in kargen, oft ärmlichen Verhältnissen im Rumänien des alten Ostblocks leben. Eine der eindrucksvollen Hauptpersonen, Florentine, wird unter dramatischen Schwierigkeiten in Arad Mutter eines Kindes mit ganz besonderen Eigenarten und Fähigkeiten. Der Vater ist evangelischer Pfarrer in einem kleinen Ort „auf dem Lande“ zwischen Arad und Temeswar, in dem es . wie dort üblich -weitere Kirchen anderer Konfessionen gibt.
Iris Wolf beschreibt starke Charaktere, die die Fähigkeit entwickelt haben, ihr Leben zwischen Einsamkeit und Freundschaften, gerade auch bei politischer Willkür still und eigenwillig selbst zu bestimmen. Toleranz geht gegenüber fremdartig lebenden Menschen nie verloren, grundlegende Freundschaften spielen im Laufe der Lebens eine bestimmende Rolle. Nach der abenteuerlichen Flucht zweier Freunde in den Westen ist die Fremdheit der westdeutschen Lebensumstände und der oft ambivalente Vergleich mit der Zufriedenheit im früheren Leben in Rumänien eine herausfordernde Frage . Zusammenfassend heißt es über das neue Leben im Westen (S. 139): „Es gab von allem zu viel, und von anderem zu wenig – Zeit.“
Wer sich Zeit für dieses Buch nimmt, wird so viel Empfindenswertes und Nachdenkenswertes finden, was nach dem Lesen dieses Buches weiterwirken kann.
Die Autorin Iris Wolf lebt inzwischen in Freiburg. Sie ist 1977 in Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren.
Wolfgang Frangenberg schreibt:
Ein weiteres lesenswertes Buch mit gesellschaftspolitischem Hintergrund ist zu empfehlen:
Wie haben die Protagonisten der Weimarer Zeit gehandelt, gedacht(Tagebuchaufzeichnungen) und geliebt? (Marlene Dietrich, Pechstein, die Gebrüder Mann, Berthold Brecht u.v.a. Berühmtheiten in der Zeit des wachsenden Nationalsozialismus.
Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses, Chronik eines Gefühls 1929 – 1939,
S-Fischer-Verlag 2021, 432 Seiten
Campino, Hope Street, Wie ich einmal englischer Meister wurde, Piper-Verlag, München 2020, 353 Seiten, 22,- Euro
In dieser Buchbesprechung und -kritik sollten Sie zur Annäherung und Einstimmung zunächst die folgenden Fragen beantworten:
- Finde ich die traditionsreiche Punkband „Die Toten Hosen“ gut?
- Bin ich begeistert von dem Sänger der Toten Hosen, „Campino“?
- Möchte ich etwas über die Familiengeschichte Campinos erfahren?
- Möchte ich etwas erfahren über den musikalischen Hintergrund, die Entstehung und Entwicklung der Toten Hosen?
- Bin ich neugierig auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Engländern und Deutschen?
- Interessieren mich die Lebensverhältnisse in Großbritannien?
- Bin ich Fußballfan?
- Reizt es mich, (in Nicht-Pandemiezeiten) in Fußballstadion zu gehen?
- Finde ich Jürgen Klopp sympathisch?
- Habe ich großes Interesse am FC Liverpool?
Wenn Sie fünf der zehn Fragen mit „JA“ beantworten, dann sollten Sie das Buch von Andreas Frege, alias „Campino“, lesen. Wenn Sie weniger Fragen mit „JA“ beantworten können, seien Sie einfach neugierig auf eine besondere deutsch-englische Beziehung.
(Rolf Eickmeier)
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Brigitte Spethmann-Heitlage: Buchempfehlungen
Zora del Buono, Das Leben der Mächtigen, Reisen zu alten Bäumen,
Naturkunden Verlag Matthes & Seitz, Berlin
Hettche, Thomas, Herzfaden,
Roman der Augsburger Puppenkiste, Verlag KiWi
Bitte nicht von der Puppenkiste abschrecken lassen, es ist traurig und heiter, unbedingt lesenswert!
KöhlmeierI/Liessmann, Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam – Mythologisch- philosophische Verführungen,
dtv Weber,
A. Annette, ein Heldinnenepos,
Verlag Mattes & Seitz
Zora del Buono, Die Marschallin,
Roman C.H. Beck
van Schaik & Michel, Die Wahrheit über Eva, Die Erfindungen der Ungleichheit von Frauen und Männern,
Rowohlt – ein sehr kluges Buch
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Gerlinde Mohr:
Deutsche Demokratische Rechnung habe ich bereits mit großem Interesse gelesen.
Meine eigenen Leseempfehlungen sind:
- Ljudmila Ulitzkaja, Jakobsleiter



- Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse
- Susanne Matthiessen, Ozelot und Friesennerz
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