Campino, Hope Street, Wie ich einmal englischer Meister wurde, Piper-Verlag, München 2020, 353 Seiten, 22,- Euro

In dieser Buchbesprechung und -kritik sollten Sie zur Annäherung und Einstimmung zunächst die folgenden Fragen beantworten:

  1. Finde ich die traditionsreiche Punkband „Die Toten Hosen“ gut?
  2. Bin ich begeistert von dem Sänger der Toten Hosen, „Campino“?
  3. Möchte ich etwas über die Familiengeschichte Campinos erfahren?
  4. Möchte ich etwas erfahren über den musikalischen Hintergrund, die Entstehung und Entwicklung der Toten Hosen?
  5. Bin ich neugierig auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Engländern und Deutschen?
  6. Interessieren mich die Lebensverhältnisse in Großbritannien?
  7. Bin ich Fußballfan?
  8. Reizt es mich, (in Nicht-Pandemiezeiten) in Fußballstadion zu gehen?
  9. Finde ich Jürgen Klopp sympathisch?
  10. Habe ich großes Interesse am FC Liverpool?

Wenn Sie fünf der zehn Fragen mit „JA“ beantworten, dann sollten Sie das Buch von Andreas Frege, alias „Campino“, lesen. Wenn Sie weniger Fragen mit „JA“ beantworten können, seien Sie einfach neugierig auf eine besondere deutsch-englische Beziehung.

Andreas Frege/Campino erzählt und reflektiert die Geschichte seiner Familie und dabei das Verhältnis zwischen deutschen und englischen Gewohnheiten, Einstellungen und Gefühlen. Denn Andreas Freges Mutter ist Engländerin. Sie kommt nach dem Krieg nach Göttingen als Aufbauhelferin in der britischen Besatzungszone und heiratet einen deutschen Juristen. Sie lebt fortan in Deutschland, behält dabei lange Jahre Kontakt zu anderen Frauen der britischen Soldaten, und ihre Verwandten leben sowieso in England. Ihre Kinder werden in England geboren, mit ihnen ist sie mehrere Wochen im Jahr dort bei Verwandten im Urlaub. Ist es da ein Wunder, dass einer ihrer Söhne, der spätere Campino, England als seine zweite Heimat ansieht. Er ist sehr stolz, dass er schließlich im Jahre 2017 in der Berliner Botschaft die englische Staatsbürgerschaft erhält.

Campino muss sich an prägende Erlebnisse aus seiner Kindheit und Jugend erinnern, an die Auseinandersetzungen mit seinem Vater oder seiner Mutter, an seine eher holprige, eher unfleißige Schullaufbahn, an seine ersten musikalischen Erlebnisse und Aktivitäten, dann an die Zeit des Ausstiegs aus der bürgerlichen Lebenswelt als Punk in der Düsseldorfer  Kultkneipe „Ratinger Hof“. Als inzwischen 58-Jähriger erinnert er all dies mit leicht ironischer Selbsterkenntnis.

Neben der Musik aus England hat ihn seit seiner deutsch-englischen Kindheit ein Fußballverein fasziniert, der FC Liverpool. Sein größter Wunsch war es immer, einmal im Stadion an der Anfield-Road sein zu können. Kein Zufall, dass seit Jahren am Ende jedes Tote Hosen-Konzerts der Song „You`ll never walk alone“ gesungen wird – der Song, der vor Beginn eines jeden Spiels des FC Liverpool von den Fans laut und mit Inbrunst gemeinsam gesungen wird. Nur nebenbei bemerkt, diese „Hymne“ ertönt auch im Borussenstadion in Dortmund vor jedem Spiel. Natürlich ist es auch kein Zufall, dass Jürgen Klopp als Trainer von Dortmund nach Liverpool gewechselt ist.

Wie gut, dass Campino mit den Toten Hosen eine solch erfolgreiche Karriere hingelegt hat. Offensichtlich kann man im Musik- und Showgeschäft recht wohlhabend werden. Denn Campino kann es sich leisten, einen Kindheitstraum zu verwirklichen. Er bekommt in Liverpool eine Dauerkarte. Er kann im Spieljahr 2019/2020 zu fast allen Heimspielen reisen und sogar zu vielen Auswärtsspielen, egal ob in England oder in Dubai zu den Weltpokalspielen. Wenn er zwingend andere Termine hat, werden die Spiele des FC Liverpool in Hotels im Live-Stream verfolgt – und die Siege gefeiert.

Er hat zudem das Glück, dass er das erfolgreichste Jahr des FC Liverpool erwischt hat mit dem überragenden Meistertitel, dem ersten nach 30 Jahren und Erfolgen in der Champions-League und dem Weltpokal-Triumph. Im Untertitel des Buchs heißt es deshalb: „Wie ich einmal englischer Meister wurde“.

Campino listet alle Spiele samt der Torschützen auf, berichtet darüber aber nicht wie ein Fußballberichterstatter, sondern beobachtet das Drumherum eines jeden Spiels. Er ist stolz, bei all dem Teil der Liverpooler Fanszene zu sein. Immer mal wieder kommen ihm dabei auch kritische Gedanken, zum Beispiel zu der nicht zu leugnenden Gewalt in Fußballstadien, er ist erschüttert über die größten Tragödien im Zusammenhang mit Spielen seines FC Liverpool, nämlich die 39 Toten im Brüsseler Heyselstadion im Jahre 1985 bei einem Spiel gegen Juventus Turin oder, noch schlimmer, die 96 Toten bei einem Spiel in Sheffield im Jahre 1989. Hochpolitisch die Aufarbeitung der Ursachen. Erst 27 Jahre später entschuldigt sich Premierminister Cameron bei den Liverpool-Fans für die falschen Beschuldigungen und erkennt die Fehler der Polizei an. Die Verurteilung der Liverpool-Fans wurde vor allem von dem Boulevardblatt „The Sun“ wahrheitswidrig ausgeschlachtet. Seit dieser Zeit kauft in Liverpool niemand die „Sun“.

„Was ich in Liverpool am meisten liebe, sind die Menschen. Liverpudlians. Ich weiß nicht, wie sie auf andere wirken. Ich sehe sie halt mit meinen Augen. Wenn du hier mit dem Flugzeug ankommst, landest du auf dem John Lennon Airport. ‚Èleonor Rigby‘, ‚Penny Lane‘, ‚Strawberry Fields‘. Ich kann die Lieder in meinem Kopf hören, wenn ich hier durch die Straßen gehe. Die Leute schauen dich freundlich an, egal, wo du herkommst. Sie haben ‚Remain‘ auf ihren Wahlzetteln angekreuzt und nicht den Brexit. Liverpool ist eine Hafenstadt, und natürlich ist sie rau. Reichtum, Gewalt, Armut – das gab es alles in Mengen, und es hat seine Spuren hinterlassen. Aber niemand hält sich für etwas Besseres, der Zusammenhalt ist stärker als anderswo.“ (S. 279) Campinos Liebeserklärung an die Stadt, in der er die Wurzeln seiner eigenen Musik findet. Beat und Punk haben von hier aus den Weg nach Deutschland gefunden.

Campino fragt sich schon ab und zu, ob das, was er in diesem Meisterjahr macht, nicht etwas verrückt sei, wenn er so häufig von Düsseldorf nach England fliegt oder sogar nach Dubai zu den Spielen des FC Liverpool. Aber all diese selbstkritischen Gedanken treten in den Hintergrund, wenn er mit Jürgen Klopp und seiner Familie nach den Spielen zusammensitzen und fachsimpeln kann.

Nun das Fazit: Interessant ist das Buch am ehesten für die, die einige der obigen Fragen bejaht haben. Und für alle anderen ist es ein Blick in eine vielleicht fremde Welt, der zu einiger Verwunderung führen kann oder immer mal wieder auch zu einem Verständnisgewinn. Campino ist ein begeisterter Fußballfanerzähler und ein immer auch selbstironischer und selbstkritischer biographischer Erzähler.

Sie werden es nicht bereuen, dieses Buch gelesen zu haben.

(Rolf Eickmeier)

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Brigitte Spethmann-Heitlage: Buchempfehlungen

Zora del Buono, Das Leben der Mächtigen, Reisen zu alten Bäumen, Naturkunden Verlag Matthes & Seitz, Berlin

 

Hettche, Thomas, Herzfaden, Roman der Augsburger Puppenkiste, Verlag KiWi

Bitte nicht von der Puppenkiste abschrecken lassen, es ist traurig und heiter, unbedingt lesenswert!

KöhlmeierI/Liessmann, Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam – Mythologisch- philosophische Verführungen, dtv Weber,

 

 

 

A. Annette, ein Heldinnenepos, Verlag Mattes & Seitz

 

Zora del Buono, Die Marschallin, Roman C.H. Beck

 

van Schaik & Michel, Die Wahrheit über Eva, Die Erfindungen der Ungleichheit von Frauen und Männern, Rowohlt, ein sehr kluges Buch

 

 

 

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Gerlinde Mohr:

Deutsche Demokratische Rechnung habe ich bereits mit großem Interesse gelesen.

Meine eigenen Leseempfehlungen sind: 

  • Ljudmila Ulitzkaja, Jakobsleiter
  • Delia Owens, Der Gesang der Flusskrebse 
  • Susanne Matthiessen, Ozelot und Friesennerz

 

 

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